Verrostete Industriebeleuchtungen säumen einen langen Betonweg, der an alten Gleisen, die ins Nichts führen, endet. Eine danebenliegende ehemalige Verladerampe zerbröckelt langsam aber sicher zu kleinen grauen Betonbröckchen. Gegenüber eine kleine steinerne Brücke. Sie führt an ein übergroßes Tor, dessen Inschrift ein ganzes Volk prägte und noch Jahrzehnte danach Sinnbild für Größenwahn, Zerstörungswut und Machtlosigkeit ist: „Arbeit macht Frei.“

Wie jedes Jahr für die 9. Klassen, stand auch dieser Tag im Mai ganz im Zeichen des historischen Erinnerns. Mit dem traurigsten Teil, der Dachau-Fahrt, wird damit der grausame Höhepunkt der NS-Herrschaft für einen Tag so real wie nur möglich, an Ort und Stelle selbst, uns Schülern nahe gebracht.

Angefangen mit Originalaufnahmen des Konzentrationslagers saßen wir in einem abgedunkelten Raum und ließen die Bilder des Terrors und des Schreckens auf uns wirken. Schwarz-Weiß Aufnahmen, die unbeschreibliches Gräuel in Bilder fassen. Momentaufnahmen, ohne die wir das Ausmaß von dem Terror der Wachmannschaften nur ansatzweise hätten erahnen können.

Danach beginnt unsere eigentlich Führung durch das ehemalige Lager. An den verrosteten Gleisen beginnt dort, wo auch das Leben eines KZ-Häftlings seinen Anfang nahm, unsere Führung. Aus allen Teilen Europas verschleppt, aus unterschiedlichen Gründen inhaftiert, waren sie, hier, eingepfercht in Eisenbahnwaggons, gezwungen auszusteigen und mit ihrer Bekleidung auch ihre Würde abzulegen. Weiter an den verschiedenen Gebäuden im Lager mit ihren unterschiedlichen Funktionen wird uns schnell die Komplexität und das System – welches hinter der Vernichtung durch Arbeit steckt – bewusst. So war das Lager selbst kein Vernichtungs-, sondern vielmehr ein Arbeitslager, welches dennoch mit seinen Gefängniseinrichtungen und gängigen Schikanen wie auch Quälereien seitens der SS-Wachmannschaften, nur das Ziel der Entwürdigung des Menschen vor Augen hatte. Vorbei an den wenigen, noch verbliebenen Häftlings-Baracken, am Zaun entlang näherten wir uns dem traurigen Höhepunkt des Rundgangs entgegen. In Dachau offiziell nie zum Einsatz gekommen, betraten wir die einzige Gaskammer mit der trügerischen Aufschrift „Brausebad“. Dann, in der kalten und niedrigen, als Duschraum getarnten Kammer, nur durch den spärlichen Strahl einer kleinen Lampe erleuchtet, bekam man zumindest den Schimmer eines Eindrucks, was das Wort Gaskammer wirklich bedeutet.

An den Baracken, die als Zwangsarbeitsstelle, Gemeinschafts- und Schlafraum dienten und durch Platzmangel gekennzeichnet waren, endete schließlich unsere Führung und wir durften das Lager

auf eigene Faust erkunden. Im Haupthaus gab es eine Ausstellung über die einzelnen Inhaftierten und das Schicksal eines Jungen blieb mir noch lebhaft in Erinnerung. Er war gerade einmal in der sechsten Klasse als man ihn aus dem Unterricht verhaftete und nach Dachau internierte.

Doch was eigentlich bedeutet dieser Besuch konkret für uns, Schüler der neunten, die ohne Gewalt, Krieg und Unterdrückung miterleben zu müssen aufwachsen konnten? Teils berechtigt könnte man sich fragen, was ein Ereignis, über 70 Jahre vergangen, heute für uns zu bedeuten hat. Schließlich trägt unsere Generation doch keine Schuld daran? Und außerdem kann so etwas heutzutage doch gar nicht mehr geschehen, oder? – Nun, ich glaube wie wir Dachau noch heute sehen sollen, ist als die Rolle eines Lehrers. Ein gerechter, der keinem heutigen Schüler die Schuld zuweist, aber uns genauso deutlich mahnt, dass wir daraus lernen sollen. Auch heute noch. Dachau steht, als das erste Lager, als Symbol für die Terrorherrschaft der Nazis. Als kleines Lager angefangen, hat es sich bis Kriegsende zu einer riesigen Deportationsstätte verwandelt. Vergleichbar mit den Nazis hätte man anfangs einzelne Baracken leichter abreißen können als am Ende ein komplexes Lagersystem. Damals versagte man das Lager und das System rechtzeitig einzureißen.- Heute sieht die Welt anders aus. Zwölf Jahre Naziterror prägten und ließen Lehren zurück. Lehren, wie man es anders hätte machen können.

Ich glaube, Dachau möchte uns aufrufen, solche Lager schon in kleinsten Kreisen zu erkennen, sie einzureißen und daraus Brücken zu bauen.

Maurizio K.