Ein Rückblick

Wieder einmal ist ein Theaterjahr erfolgreich zuende gegangen – das mittlerweile 20. Mal, dass ich an der Leitung der Theatergruppe für die 5. – 9. Klassen beteiligt war. Und es war gleichzeitig meine letzte Inszenierung, da nach 20 Jahren einfach ein guter Zeitpunkt zum Aufhören gekommen ist.

Ganze Generationen von Schülern haben in der Zeit ihre ersten Schritte auf der Theaterbühne gemacht, und viele von ihnen haben dabei entdeckt, wie anstrengend echte Probenarbeit sein kann, welch ein Glücksgefühl es aber auch erzeugt, wenn die Gruppe am Ende einer erfolgreichen Premiere den verdienten Applaus des Publikums erhält. Jeder konnte dann spüren, die Arbeit eines halben Jahres hat sich gelohnt – von den ersten Übungen über die ersten Proben mit dem Textbuch in der Hand und dann ohne das Textbuch sowie (in den meisten Jahren) die intensive Probenwoche in Babenhausen bis hin zu den technischen Hauptproben kurz vor den Aufführungen.

Circa 200 Schauspieler haben in diesen 20 Jahren, teils über mehrere Jahre, als Mitglieder der Theatergruppe über 400 Rollen gespielt, und ungefähr 20 Schüler haben als Techniker ihre Leidenschaft für den Umgang mit Technik, oft auch über mehrere Jahre, in den Dienst des Theaters gestellt und dabei in hohem Maße eigenverantwortlich gearbeitet. Alles in allem sind alle Gruppen im Lauf eines Schuljahres zu guten Teams zusammengewachsen, mit denen die Arbeit auch den Leitern viel Freude bereitet hat. Drei KollegInnen haben im Lauf der Jahre mit mir zusammen die Gruppe geleitet, zunächst Frau Beate Reißner, dann Herr Axel Herschke und schließlich Frau Cornelia Arend. Für die stets kollegiale Zusammenarbeit danke ich allen dreien. Ganz besonders möchte ich mich bei den beiden – neben mir – dienstältesten Mitgliedern des Unter- und Mittelstufentheaters bedanken, ohne die gerade die letzten Jahre nicht möglich gewesen wären: meine Frau, die als Schülermutter sich seit fast 15 Jahren ehrenamtlich mit enormem Einsatz für das Theater engagiert hat (als Co-Regisseurin sowie als alleinig Verantwortliche für Kostüme und Make-Up) sowie unser Sohn, der seit der 5. Klasse und übers Abitur hinaus sich eingebracht hat, bis zum Abitur als Techniker und vorher und hinterher als hauptverantwortlicher Bühnenbildner.

Wenn man die Liste der 19 Stücke betrachtet (Infiziert haben wir im Abstand von 10 Jahren zweimal inszeniert), erkennt man nur wenige Titel, die auch außerhalb des Schultheaters bekannt wären (Arsen und Spitzenhäubchen oder Pünktchen und Anton z.B.). Unsere Stückauswahl erfolgte in aller Regel aus dem Angebot spezieller Schultheaterverlage, die Texte anbieten, die auch für die Altersgruppe geeignet sind – noch keine Erwachsenen, aber auch keine Kinder mehr. Darunter befinden sich ernste und heitere, lange und kurze Stücke. Eines haben sie alle gemeinsam: sie müssen nach meinem Verständnis ‚echtes‘ Theater ermöglichen. Darunter verstehe ich, dass sie stimmige Dialoge und nachvollziehbare Szenenabfolgen enthalten, dass ernste Stücke auch einen Schuss Humor enthalten und heitere Stücke nicht vollkommen seicht sind. Der überaus starke Willibald, Die Feuerzunda und Infiziert z.B. drehen sich alle um das Thema der Ausgrenzung Andersartiger, von der eher spielerischen Bearbeitung bei Willibald bis zum knallhart bedrohlichen Hintergrund bei Infiziert.

Manche Stücke drehen sich um Zukunftsvisionen (ebenfalls Infiziert und Das Geheimnis um K.P. 07), manche sind Verfremdungen bekannter Stoffe aus der Märchenwelt (Rumpelstilzchen & Der Gestiefelte Kater sowie Cinderella in New York). Wir haben Krimi-Parodien inszeniert – 5 Ganoven und ihr Kommisssar, Mord ohne Leiche und Kellergäste – und auch Stücke mit historischen Anspielungen (ernst gemeint in Der Drache mit dem Bezug zur Stalin-Diktatur und in Die Lüge von Hameln mit der Thematisierung von Herrschaft und Unterdrückung mit Hilfe des bekannten Sagenmotifs – oder eher heiter wie in unseren letzten beiden Stücken).

Schließlich waren auch klassische Jugendstücke darunter, die um die Sinnsuche Jugendlicher kreisen (Royal meets Rap und Hanna im Glück z.B.) – aber ohne den erhobenen pädagogischen Zeigefinger. Denn das war allen Leitern in den 20 Jahren immer ganz wichtig: es ging nicht darum, bestimmte Botschaften von der Bühne ‚rüberzubringen‘, sondern die Schüler dazu zu befähigen, unter Berücksichtigung aller Aspekte ‚richtigen‘ Theaters eine stimmige Produktion auf die Bretter zu bringen, die es vermag, die Zuschauer mit einem echten Theatererlebnis einen Abend lang in ihren Bann zu ziehen.

Wenn uns das in all den Jahren immer wieder gelungen ist, haben wir einen kleinen Beitrag zu einem abwechslungsreichen Schulleben am RDG geleistet und dabei so manchem Schüler eine Entwicklung seiner Persönlichkeit ermöglicht, die ohne das Theater vielleicht nicht in gleicher Weise möglich gewesen wäre. Dann hat sich unser Einsatz fürs Schultheater am RDG gelohnt. Und ich hoffe sehr, dass sich ein Weg findet, die lange Tradition an unserer Schule auch in Zukunft fortzusetzen.

Tabelle Theaterstücke

Rechte an Text und Bild: Wolfgang Poeppel / RDG