Bekannt ist Augsburg als Universitätsstadt, als Stadt des Wassers, als Ballungsraum. Tausende Touristen strömen jährlich in die Stadt, um historische Orte wie das Rathaus und die Fuggerei zu bestaunen. Und die Stadt präsentiert sich gern als Friedensstadt.

Jedoch ist Augsburg auch ein Zeitzeuge der Geschichte, die in regulären Stadtführungen wohl eher ungern erwähnt wird. Denn wer möchte schon die Vorstellung von Straßen, geschmückt mit schwarz-rot-weißen Hakenkreuzfahnen anregen, wenn man später versuchen will, Radiergummis und Regenschirme mit Zirbelnuss-Motiv zu verkaufen.

Dabei sind die Jahre des Nationalsozialismus überraschend einfach im Stadtbild zu erkennen, wie Herr Poeppel unserem Kurs klar macht, indem er uns auf verschiedene Gebäude hinweist. Tatsächlich unerwartet für mich ist dabei, wie vielzählig diese selbst heute noch sind und wie oft ich schon an ihnen vorbei gehastet bin, ohne ihnen noch einen zweiten bewussten Blick zu schenken.

Und versteckt sind sie keineswegs, so wie der ehemalige Filmpalast in der Maxstraße, der ein Sitz der Schutzstaffel war. Die SS war dort vom April 33 bis zum Sommer 35 Untermieter, ironischerweise auch noch in einem jüdischen Haus.

Oder das Gebäude direkt in der Maximilianstraße, damals war es das Schirmgeschäft einer jüdischen Familie. Heute befindet sich in dem Haus ein Burger-King, von allen anderen Häusern ist es nur durch die drei kleinen, golden glänzenden Stolpersteine, die die Inschrift „Oberdorfer“ tragen, zu unterscheiden. Lange verschwiegen wurde die historische Bedeutung der NS-Zeit selbst von der eigenen Stadt, die um 1962 der nun arischen Besitzerin des Schirmgeschäftes zum 100. Firmenjubiläum gratulierte. Kein Wort von Eugen und Emma Oberdorfer, die nach der Enteignung 1938 deportiert und schließlich in Ausschwitz ermordet worden waren.

Gegen dieses Schweigen kämpfen Miriam Friedmann, Enkelin der Familien Friedmann und Oberdorfer, und Josef Pröll mit ihrem Dokumentarfilm „Die Stille schreit“ an. Wir hatten die Chance diesen im Thalia Kino zu sehen und mit den beiden Personen zu reden, die in den letzten vier Jahren die treibende Kraft hinter dem Projekt waren.

Der Film, in dem mehrere tausend Stunden Arbeitszeit und Recherche in unzähligen Archiven aus der ganzen Welt stecken, beleuchtet die Schicksale und das Leben mehrerer jüdischer Familien aus Augsburg.

Wirklich inspirierend finde ich dabei Miriam Friedmann, die es sich nach dem Umzug aus den Vereinigten Staaten in die Stadt ihrer Vorfahren zur persönlichen Aufgabe gemacht hat, mehr über die Vergangenheit ihrer Familien zu erfahren. Dabei betont sie, dass das Aufarbeiten von Geschichte keine Schuldzuweisung sei, sondern eine Warnung vor dem Wegsehen und Verschweigen und eine Ermunterung, für das Richtige einzustehen.

Denn nach all dem, was geschehen ist, so erscheint es mir, ist das Schweigen zu brechen und die Erinnerung an die Opfer aufrecht zuerhalten, die einzige valide Wiedergutmachung, die wir bieten können.

 Veronika Walter, Q11

„Die Stille schreit“ – Dokumentarfilm von Josef Pröll (weitere Informationen: www.diestilleschreit.de)